Auf dem Schiff der Irren

Trentino, November 2021

Auf dem Schiff der Irren

Nie wie in dieser Periode fühlen wir uns wie der Schiffsjunge, von dem Theodore Kaczynski in seiner Erzählung Das Schiff der Irren redete. Die Geschichte ist bekannt. Das Schiff – Metapher für die technoindustrielle Gesellschaft – fährt auf Eisberge zu, an denen sie zerschellen wird. Der Schiffsjunge warnt seine Mitreisenden und versucht ihnen zu verstehen zu geben, dass eine Routenänderung die einzige Wahl ist, die alle anderen enthält (wo andocken gleich eine Veränderung der Beziehungen unter der Crew ist; also jene Fragen der Freiheit, Gleichheit und Solidarität, die sich den Menschenwesen seit der Existenz von Herrschaft, Hierarchie und Ausbeutung stellen). Der Rest der Crew zählt die Probleme auf, die ihrer Ansicht nach viel schwerwiegender und dringender zu lösen sind: die Lohnunterschiede, Rassismus, Sexismus, Homophobie und die Brutalität gegenüber den Tieren. Da er auf der Notwendigkeit beharrt, dass es überhaupt noch ein Schiff geben muss um darauf das Leben zu verändern – bzw. dass die Priorität einer Routenänderung alle anderen richtigen Forderungen sekundär macht – gerät der Schiffsjunge ins Kreuzfeuer der Beschimpfungen der Crew: reaktionär, spezieistisch, homophob, sexistisch! Die Beschimpfungen ertönen noch während das Schiff an den Eisbergen zerschellt und versinkt.

Wie im vorhergehenden Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft (das sog. Manifest des Unabomber, dessen Autorschaft Kaczynski in Wahrheit weder bestritten noch bestätigt hat*) und in den darauffolgenden Zuschlagen wo es am meisten schadet und Anti-tech revolution wird vor allem die Linke aufs Korn genommen, die bis zum Paroxysmus von der Crew des Schiffes dargestellt wird. Wegen ihrem “über-sozialisierten”, reformistischen und progressistischen Wesen ist die Linke Kaczynski nach dazu konditioniert, zur Hauptstütze des Techno-Kapitalismus zu werden, der seine Programme zur Entmenschlichung hinter seinen verlockenden Versprechungen zur Überwindung jeglicher Grenzen und der Expansion des Ichs versteckt. Dass wir nun voll und ganz darin stecken, ist heutzutage sogar banal.

Der heutige intellektuelle, ethische und praktische Schiffbruch der Linken und der extremen Linken vor dem Notstand – als Regierungssystem, das als regelrechter Beschleuniger der technokratischen Programme funktioniert – hat tiefe Wurzeln. Dass die Entwicklung der Technowissenschaften lange als eine sekundäre Variable des Klassenkampfes angesehen wurde – wenn nicht gar als Apparat des Wissens und der Mittel, den man in eine emanzipatorische Richtung lenken kann – erlaubt jetzt nicht, die konkreten Produkte hinter ihrer Etikette, unter der sie uns verkauft werden, zu begreifen. Da auf der Etikette “Impfstoff” steht, denkt man davon weiter, was man über die Impfstoffe gegen Pocken oder Kinderlähmung dachte. Die Tatsache, dass die m-RNA-Impfstoffe biotechnologische Plattformen sind (software of life, in der Sprache der Genetiker), die genetische Informationen in die Körper einführen – und kein desaktiviertes oder abgeschwächtes Virus – erscheint als völlig irrelevant. Denn ist die Kritik an der Wissenschaft nicht etwa eine reaktionäre Verhaltensweise? Sie haben uns gesagt, der “green pass” diene zur Eindämmung der Covid-19-Ansteckungen, und in diesem Rahmen wird das pro oder contra diskutiert. Dass die Projekte der Techno-sanitären Pässe – und allgemeiner die Herstellung einer jedem Menschenwesen zu verpassende digitale Identität – sowohl der Sars-Cov-2-Epidemie als auch der Massenimpfung vorangehen, sind „Details“ die ausserhalb der Debatte bleiben. Dasselbe kann man von den Analysen zum Piano Nazionale di Ripresa e Resilienza (Nationaler Plan zur Neubelebung und Resilienz) sagen. Man liest darin die Weiterführung der üblichen neoliberalen Politik, wo die Digitalisierung der Industrie, der Landwirtschaft, der öffentlichen und sanitären Verwaltung locker dabei ist. Und doch bräuchte es nicht viel um zu verstehen, dass heutzutage die Künstliche Intelligenz und ihre Algorithmen der Motor der Finanz, der Produktion, der Kommunikation, der Logistik, der medizinischen Forschung und des Agrobusiness sind. Hier einige Beispiele.

«Mehr als 40% der Onlineaktivitäten werden schon von Automaten betrieben. Das Internet der Dinge beschleunigt natürlich die nicht menschliche Aktivität: 2023 sollten die Verbindungen unter Maschinen (man sagt auch M2M, “machine to machine”), insbesondere in den hyper-verbundenen Wohnungen und in den intelligenten Fahrzeugen, die Hälfte der Verbindungen im Netz ausmachen».

«Im Finanzsektor macht die automatisierte Spekulation 70% der globalen Transaktionen und bis zu 40% des Wertes der gehandelten Titel aus. Wir gehen von einem von und für Menschen gebrauchtem Netz zu einem von und vielleicht für Maschinen verwendetem Internet über [ökologische Begleiterscheinung: «Tatsache ist, dass die von den Maschinen gesteuerten Fonds die Umwelt stärker zerstören als die von Menschen gesteuerten»]».

«2017 hat ein Fonds in Hong Kong, Deep Knowledge Ventures, die Ernennung eines Vital genannten Roboters in seinen Verwaltungsrat verkündet. Es wird keine Entscheidung mehr ohne eine Auseinandersetzung mit seiner Analyse getroffen».

(Zitierungen aus L’Enfer numérique. Voyage au bout d’un like von Guillaume Pitron).

Der Eisberg, an dem das Schiff zerschellen wird, ist also nicht nur der ökologische Kollaps sondern auch der Ausschluss der Menschlichen aus dem Bereich der Entscheidungen und der Konflikte des Lebens. Mehr noch, der Erste wird durch den Zweiten beschleunigt, während der Zweite den Ersten hinter einem green Mäntelchen versteckt.

Kaczynskis Erzählung, obwohl sie ein tragisches Finale hat, ist eine sowohl karikaturartige als auch beruhigende Darstellung des sozialen Konfliktes. Die Hauptfiguren der Erzählung sind drei: die technoindustrielle Masslosigkeit, die Klarsichtigkeit des Schiffsjungen und die zänkische Kurzsichtigkeit des progressistischen Feldes. Auf dem realen Schiff der Irren stehen die Dinge jedoch ganz anders, wie es sich in diesen vergangenen Monaten in Italien und in der Welt besonders krass gezeigt hat. Ein Teil der Crew beschimpft den Schiffsjungen nicht, um ihn hingegen mit obszönen Worten zu ermutigen: «Du hast recht, wir müssen die Route ändern! Wir müssen das Schiff dem Schicksal entziehen, das von der globalistischen Elite auferlegt wird und die Crew – Kapitäne, Köche und Deckwischer – wieder zur authentischen Nation machen!». Während andere wiederum den sich beschwerenden Seeleuten einen drauflegen: «Eure Ideen über die Geschlechter und gegen die traditionelle Familie sind es, die uns schnurstracks auf den Eisberg zu bringen!». Es ist also in der realen Welt der Konflikte sehr viel schwieriger, sich in die Lage des (noch so tragischen) Helden zu versetzen. Die von Kaczynski getätigte Vereinfachung ist kein Versäumnis, sondern eine sehr genaue Wahl. Denn in seinen Texten ist der an die Rechte gewendete Vorwurf, dass sie nicht wirklich gegen den Techno-industriellen Fortschritt ist, sondern bloss gegen einige seiner Ausdrücke. Nun, Kaczynski ist aber kein Anarchist, was durch seine historischen Beispiele belegt wird, an denen sich eine anti-technologische Revolution orientieren sollte: die politischen Modelle der Jakobiner und der Bolschewisten. Kurzum, mal das Ziel festgelegt (Die Niederschlagung des technologischen Systems), wird der Weg zum Ziel durch ein einziges Kriterium bestimmt: Effizienz, unter totaler Missachtung der ethisch-praktischen Kohärenz des Verhältnisses zwischen Mittel und Zweck. Was nicht bloss den typischen Machiavellismus der autoritären Revolutionären vollständig reproduziert, sondern unbewusst eine der Grundlagen desselben Apparates der Technowissenschaften akzeptiert, nämlich die Wirksamkeit der Resultate als Wert an sich. Es ist sehr seltsam, dass dieser Gegensatz von den Verlegern seiner Texte wenig in Betracht gezogen wurde (ob von den Surrealisten, der Encyclopédie des Nuisances, den anarchistischen Primitivisten oder der Anarchisten tout court). Es stimmt wohl, dass das Zentrum der Analysen von Kaczynski jene Gesamtheit an Problemen betrifft, die kein Mensch, der nach einer radikalen Veränderung der Gesellschaft strebt, ignorieren kann. Aber das Problem des wie und mit wem diese Veränderung zu tätigen ist, ist sicher nicht weniger wichtig. Da heute viele Linke ihr Hirn wortwörtlich in den Lockdown-Modus geschaltet haben, akzeptieren wir darum eine Zusammenarbeit mit den Reaktionären? Und wer sind, heute, die Reaktionären?

Die radikale Kritik der Techno-Industrie präzisiert und aktualisiert die historische anarchistische Kritik des Staates, der Klassen, der Hierarchie. Aber sie ersetzt sie nicht.

Heute ist der Kontext überaus morastig. Wenn einerseits sogar Teile der libertären Bewegung aufs Terrain des Transhumanesimus hineinschliddern (es gibt sogar Techno-Dummköpfe, die ein regelrechtes Anarcho-transhumanesisches Manifest niedergeschrieben haben…), fehlen andererseits die – mehr oder weniger verkappt – Rot-Braunen nicht, die uns schöne Augen machen. Dieser Morast ist zutiefst historisch (als Produkt einer bestimmten Phase des Kapitalismus und eines so nie stattgefundenen Angriffs auf alle menschlichen Fähigkeiten: auf die Wahrnehmungen, die Gefühle, die Gedanken, die Körper, die Fähigkeit, sich zusammenzuschliessen…) und kann nicht einfach durch Anathema oder etwelche anti-(faschistischen, sexistischen, rassistischen, usw.) Listen erledigt werden. Umso weniger durch die pawlowsche Reflexe wie: wenn sich auch die Reaktionären mit gewissen Themen beschäftigen, dann reden wir von Anderem.

Die Mobilisierung gegen den „sanitären“ Passierschein ist, von diesem Blickwinkel aus, ein guter Indikator (sowohl der sich nähernden Eisberge als auch der Stimmungen, die in der Crew des Schiffes umlaufen).

Die Bestandteile des Konfliktes (die Verschlingungen zwischen biomedizinischer Experimentierung und Ausweitung der digitalen Kontrolle), sein „monströses“ Wesen, sowie die Tatsache, dass die Positionierungen von vielen linksextremen Ausdrücken das Spiel der verschiedenen Faschisten, Rot-Braunen und Reaktionären begünstigen: das alles war leicht voraussehbar. Nicht dank von wer weiss welcher Klarsichtigkeit der revolutionären Theorie, sondern auf Grund zweier Elemente, die man durch die Betrachtung der Dynamiken ausmachen kann anstatt sich in den Details zu verrennen. Das erste Element ist, dass, sobald es den „Autopiloten“ eingeschaltet” hat, das technokratische Kommando das zur “nicht auszuschliessenden Hypothese erklärt”, was es schon am verwirklichen ist, und somit seine Schachzüge voraussehbar macht. Das Zweite ist einfach die Umkehrung des Ersten: wenn man nicht das gesamte “Chronoprogramm” platzen lässt (zuerst die Einsperrung mit offenen Fabriken, dann die Ausgangssperre, dann die Ernennung eines Nato-Generals als Sonderkommissar für den Notstand…), dann akzeptiert man wegen einer absonderlichen abwärts-trendigen Kohärenz auch den Passierschein, der letzte – zunächst – Zug der Kommandosteuerung.

Hier einige Denkanstösse:

«Nicht wichtig, dass das EU-Parlament die Anwendung von GMO basierten Impfstoffen und Anti-Covid-Behandlungen erlaubt hat: nach Jahrzehntelangen Kämpfen zur Verhinderung der GMO in der Landwirtschaft und im Teller werden die nun, wegen der enormen Bedrohung des Coronavirus, wie selbstverständlich – und erst noch unter allgemeiner Begrüssung! – direkt in unsere Körper gespritzt, mit unvorhersehbaren Folgen. Nicht wichtig, dass all das eine Einschränkung unserer, sicher nicht grosszügigen, Freiheiten bedeutet; denn, jenseits des Geschwätzes über die zwingende Vorschrift oder nicht, sind wir sicher, dass es keinerlei Strafbarkeit geben wird (gar Geldbussen, oder Einschränkungen in den Bewegungen, etc.)?» (“L’impazienza”, n. 4, Oktober 2020).

«Die Botschaft ist eindeutig: wenn ihr es nicht bereitwillig aus einem „Geiste der Verantwortlichkeit” heraus akzeptiert, werden wir euch dazu zwingen, es zu akzeptieren. Vielleicht nicht mit einem direkten Zwang, sondern mit einer indirekten Erzwingung: der Gouverneur der Region Kampanien hat schon einen neuen sanitären Ausweis vorbereitet, der nur den Geimpften den Zugang zu gewissen Orten und Dienstleistungen erlauben wird. Kurz, das chinesische System des “sozialen Kredits” nähert sich» (Note urgenti contro la campagna militar-vaccinale / Dringende Anmerkungen gegen die militärische Impfkampagne, il rovescio, gennaio 2021).

«Die Geschehnisse von Capitol Hill werden die „anti-systemische“ Anziehungskraft des Trumpismus auch in weniger (oder überhaupt nicht) bürgerlichen Sektoren verstärken. […] Wie man auf die Massnahmen der Regierung zum Covid-19 antworten wird (bei der „militärischen Impfkampagne” beginnend) wird für die Richtung der Auseinandersetzung ziemlich bestimmend sein. Denken wir dran. Aber wirklich» (Sui fatti di Capitol Hill, ilrovescio, Januar 2021).

«Nichts weniger als ein Spross der Kennedy hat [in Berlin] vor einer Menge eine Rede gegen die “sanitäre Diktatur” gehalten und letztlich dazu aufgefordert, die Verfechter der Freiheit in Washington tatkräftig zu unterstützen. Was selbstverständlich die Gründe und vor allem die Heterogenität der Zusammensetzung des sozialen Protestes nicht einfach verdrängen kann, der sich nach einer mRna Impfkampagne neu beleben sollte, die immer mehr die Eigenschaften einer biopolitischen Experimentierung auf Massenskala anzunehmen scheint» (aus einer Anmerkung des Dopo Trump – Nach Trump von Raffaele Sciortino, Januar 2021).

«Setzen wir voraus, dass eine Krankenschwester und ein Lehrer, die in jener Gewerkschaft [USB] sind, entscheiden, den Impfstoff mRNA zu verweigern und deshalb mit Sanktionen oder der Entlassung bedroht werden: wie würden die wohl von denen verteidigt, die sie als Dummköpfe betrachten, die nur „mit ein bisschen Erschrecken“ endlich verstehen würden”? Wenn jene oder jener kein vorbildliches “politisches Bewusstsein” hat, sondern der Wissenschaft des Staates vertraut, wird sie oder er sich etwelcher Gruppe zuwenden, die sich gegen die „sanitäre Diktatur“ erklärt. Und dann wundert man sich über die Erfolge des Trumpismus auch im proletarischen Felde…» (La posta in gioco, ilrovescio, febbraio 2021).

«Die Impfpflicht [für das sanitäre Personal] zurückzuweisen, ist für alle wichtig: falls nicht, wird man ohne Impfpass bald nicht einmal mehr ins Restaurant gehen können…» (Fermiamo la Vaccelerazione, Collettivo salute e libertà, April 2021).

Bevor wir uns mit den “Protesten no green pass” als Prisma dieser historischen Phase beschäftigen, kehren wir ein wenig zurück und versuchen, einige Fäden wieder anzuknüpfen.

In den vergangenen Jahren widmeten wir einige Analysen dem, was wir reaktionäre Mobilisierung nannten. Wir bezogen uns dabei nicht auf eine angebliche Gefahr einer Rückkehr zu faschistischen Regierungsmodalitäten – die demokratische Hülle bleibt für die Diktatur der Kapitalisten, der Technokraten und der Militärs die tauglichste Form –, sondern auf die Gefühle, die in der Gesellschaft umgehen und auf die Ausdrücke, welche die Proteste annehmen. Nun, diese Gefühle und Ausdrücke unterscheiden sich nicht scharf von den allgemeinen reformistischen und legalitären Illusionen, sondern haben einige Besonderheiten, die bestimmte historisch faschistische „Mythen“ aktualisieren und gleichzeitig die laufenden Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Lagern des Kapitals und der Macht widerspiegeln. Wir denken an das Mussolinianische Konzept von “Produzent”, das jenem von „Spekulant“ entgegengesetzt wurde. Der “Produzent” in faschistischem Sinne – die nationalisierte Version des Diskurses von Proudhon und Sorel – beinhaltet sowohl den Lohnempfänger als auch den Kapitalisten als komplementäre und zum nationalen Reichtum notwendige Figuren. Das “nationale Gewerkschaftswesen” ist dann jene Form der Verhandlung, womit die Synthese zwischen den Interessen der Arbeitenden und jenen der Industriekapitäne hergestellt wird. Die finanzielle Spekulation ist, im Gegenteil, die heimatlose Unternehmung, deren Profite die Nation ausrauben anstatt zu bereichern. Es handelt sich eben um “Mythen”, denn in der realen Welt des Profits gibt es keinerlei Trennung zwischen industriellem und finanziellem Kapitalismus. Von diesen “Mythen” existiert auch eine linke Version, die nicht nur jene von Togliatti ist, sondern auch die von Gramsci: die arbeitende Klasse als historisches Subjekt, das die Interessen der Nation vollständig realisieren kann, gegen eine Bourgeoisie, die für die eigenen Profitbedürfnisse die Entwicklung der nationalen Produktion und Industrie bremst. Die Tatsache, dass der aktuelle “Souveränismus” ein zweigesichtiger Janus ist – mit einem rechten und einem linken Gesicht – darf nicht überraschen. Die Illusion, die nationalen Interessen – und in demselben Rahmen erneut eine grössere Verhandlungskraft gegenüber der eigenen Herrschaft zu haben – der “Diktatur” des „weltweiten“ Finanzkapitalismus gegenüberzustellen, dessen Grausamkeit direkt proportional zu der Intelligenz der von ihm einverleibten Maschinen ist, ist nicht aus der Luft gegriffen: sondern der Reflex der proletarischen Schwierigkeiten auf internationaler Ebene zu kämpfen, und der Proletarier, sich als menschlich zu begreifen und als solche zu kämpfen.

Der gekreuzte historische Prozess der Digitalisierung der Gesellschaft und des Engineering der Körper greift die Fähigkeiten der menschlichen Art insofern an, als dass er mit der eigenen eisernen klassistischen Ferse zuschlägt. Es sind arme und farbige Körper, die sich in Coltanminen, in den MGO-Feldern oder in den Hallen der Logistik auslaugen müssen, damit das totale Kapital die gesamte Menschheit entfremden kann. Durch ihre Rolle in der Gesellschaft – und sicher nicht durch ihre angeblich wesentlichen Tugenden – können die Ausgebeuteten sich selbst nur befreien, wenn sie die Menschheit befreien – und umgekehrt.

An diesem Punkt befassen wir uns kurz mit dem Protest gegen den “green pass”.

Wieso hat sich in einer interklassistischen Mobilisierung auf der Suche nach “Gegenmächten”, die eine illusorischer als die andere ist (die Verfassung, die Richterschaft, die guten Polizisten, Nürnberg…) einen regelrechten „Mythos“ der Hafenarbeiter ausgebildet? Sicher nicht wegen der Ideologie dieses oder jenes Hafenarbeiters, sondern weil die Hafenarbeiter der Wirtschaft und folglich der Regierung echt weh tun können; weil sie es von ihrem Arbeitsplatz ausgehend können; weil ihre Aktion ohne „gewalttätig“ zu sein wirksam sein kann (das Tabu der “Gewalttätigkeit” begleitet seit Jahrzehnten jeden Massenprotest, wenigstens hier in Italien). Aber um die „souveränistischen“ Illusionen zu zerstreuen, genügt der Einsatz an sich eines Klassensektors und eines Elementes der Stärke nicht. Und die manichäische Trennung zwischen hier die Arbeitenden und dort die reaktionären und faschistischen Kräfte ist nur lächerlich; nicht nur weil, ganz banal, auch Faschisten Lohnempfänger sein und auch Ausgebeutete reaktionäre Ideen haben können, sondern auch weil sowohl die seit langem bestehende reaktionäre Mobilisierung als auch die demokratische Ideologie gerade auf das Verhältnis zwischen Individuen, Klassen und Menschheit einwirken. Ohne eine Ausweitung des Konfliktes – und hier ziehen wir einen Schleier des Mitleides über jene Sektoren des Basissyndikalismus, die absichtlich entschieden haben auf dem eigenen Terrain den sozialen Kampf gegen den Passierschein nicht aufzunehmen, um hingegen den gewerkschaftlichen Kampf um die von den Unternehmen zu bezahlenden Gratistampons aufzunehmen –, ist der Arbeitende (auch wenn er sich aus einem lobenswerten und richtigen Sinn für Solidarität bewegt) von den Blutsaugern umgeben: sowohl jene, die aus ihm ein Verteidiger der Verfassung machen als auch jene, die aus ihm einen “Helden der Nation” gegen die “globalistischen Eliten” machen (im Gegenteil, gerade mitten in den Ersteren können die Zweiten sich geschickt verstecken). Die Blutsaugerei macht sich mit dem Angebot materieller Unterstützung breit, z.B. mit jener Rückendeckung für die Streiks, die weder die Basisgewerkschaften noch der Staat gewähren wollten. Wie bei der FISI (Federazione Italiana dei Sindacati Intercategoriali), die aus der Konvergenz zwischen bekennenden Faschisten und einigen Elementen des „Links-Souveränismus” entstanden ist. Fügen wir noch die systematische Arbeit der Medien zur „Eingrenzung“ des Protest gegen den Passierschein hinzu, indem sie andauernd die Trommel der Gleichungen no green pass = no vax = complottisti (Verschwörungstheoretiker) = estrema destra (extreme Rechte)1 rührt, gewürzt mit einer mehr als grotesken und lügnerischen „alerta antifascista” (zur Verteidigung, einmal mehr, der Verfassung, was konkret die Verteidigung der nationalen Einheit heisst) und der Nebel wird noch dichter.

Obwohl sowohl in Italien als auch auf internationaler Ebene regelrechte verschwörungstheoretische think tank überhaupt nicht fehlen (und ihr Einfluss kann in den Diskursen auf der Strasse leicht erkannt werden), ist die sog. „Verschwörungstheorie“ (complottismo) – ein Wort, das nunmehr eine regelrechte Begriffsgranate im psychologischen Krieg der politisch-militärischen-medialen Maschine gegen jegliche Widerstandsform darstellt – auch der Ausdruck eines sozialen Bedürfnisses: für historische Geschehnisse vereinfachte Erklärungen zu finden. Das Motiv ist kein Mysterium. Die Schlussfolgerung, dass einzig ein revolutionärer Bruch den Planeten und damit auch unsere gemeinsame Menschheit retten kann, ist nicht nur überhaupt unmodisch, sondern in der Einsamkeit der persönlichen alltäglichen Kämpfe gegen das totale Kapital sehr schwer zu deklinieren. Es ist sicher beruhigender, den rasanten Verlust aller eigenen Macht über das eigene Leben und die eigenen Körper einem Gates oder den Transhumanisten von Google zuzuschreiben, als den strukturellen Dynamiken eines ganzen sozialen Systems. Das gilt aber nicht nur für die Strassenproteste “no green pass”. Das gilt auch für die Arbeitenden, die die eigene Entlassung der besonderen spekulativen Gier des Multis zuschreiben, der einen voll produzierenden Betrieb schliesst, und die dann die Regierung auffordern, gegen einen solchen „Skandal“ einzugreifen.

Je mehr man sich vom ökonomizistisch-gewerkschaftlichen Konflikt entfernt und auf Terrains der Auseinandersetzung zu geht, für die eine ethisch-soziale Bewertung der Welt, in der wir leben, notwendig wird, umso untauglicher werden die Schemas. Den transhumanistischen Projekten (die sehr wohl bestimmten Kapitalfraktionen entsprechen, jedoch den Weg für die gesamte kapitalistische Herrschaft vorzeichnen2) kann keine formell mehr oder weniger radikale gewerkschaftliche Verhandlung entgegengesetzt werden, sondern eine Vorstellung des Menschlichen, der Natur und der Geschichte. Und genau dort zeigt der linke Progressismus die Elemente auf, die er mit dem, was die Technoindustrie zu verfolgen behauptet, gemeinsam hat (ein Google-Chef kann die Gender-Diskriminierung seelenruhig verabscheuen, da für ihn alle Menschenwesen gleich sind: Maschinen). Aber auch dort ist es, wo die revolutionäre Kritik der Technowissenschaften wenn auch ungern ein “Nein” mit der extremen Rechten und mit dem katholischen Integralismus teilt (zur Genmanipulierung, zum Beispiel). Und wieder dort kreuzen sich die Proteste gegen den Klimawandel mit den Bedürfnissen eines gewissen Kapitalismus, in neue Technologien zu investieren (die Technokraten machen überhaupt kein „Blabla“ sondern verwandeln durch die Eroberung neuer Profit- und Herrschaftsbereiche jeden Notstand in eine Flucht nach vorne). Wie wenn ein atlantistischer Premier es sich sogar erlauben kann, den Klimaaktivisten zu danken („weil sie die Route aufzeigen”), was sowohl den Braunen als auch den „Roten“, für die Putin die Alternative ist, erlaubt, dieselben Aktivisten als Schachfiguren der globalistischen Elite darzustellen…

Nun, gewisse angebliche “Konvergenzen” sind keine historische Neuigkeiten in absolutem Sinne. Und auch nicht ihre Ausnützung durch die verschiedenen sich im Krieg befindenden kapitalistischen Fraktionen. Im ungarischen Aufstand von 1956 mussten sich die Anarchisten und die revolutionären Marxisten, die sie als proletarisch, anti-bürokratisch und antikapitalistisch verteidigten, dem Kreuzfeuer und den Fallen aller Ideologien stellen. Die Stalinisten stellten die Rebellen damals als Faschisten dar, die Atlantikpakt-Treuen als Demokraten und die Faschisten als Nationalisten und Antikommunisten. Nicht um zu sagen, dass es in Budapest wie auch in anderen Städte Ungarns keine Berufungen auf die Demokratie oder nationale Fahnen gab (und auch “Weisse”, die Monarchisten, usw. waren dabei), aber das Element, das den Herrschenden sowohl im Westen als auch im Osten dermassen Angst machte, war ein ganz anderes: eine Revolte von bewaffneten und zur Selbstbestimmung entschlossenen Arbeitenden.

Heute, angesichts des grausamen Angriffs auf die Bedingungen der Lohnempfänger und auf die Fähigkeiten der Menschen als solche, werden die Kreuzfeuer und Fallen noch hinterhältiger. Somit, während bei den Menschlichen eine mildere Version der Behandlung als seit langem bei den Tieren in den industriellen Betrieben angewendet wird (wenn den Zweiten – wie jemand klarsichtig angefügt hat – mit der Impfung direkt Mikrochips eingepflanzt werden um sie via Scanner verfolgen zu können, zwingt man erstere andauernd einen QR Code vorzuweisen um durch eine App des Smartphones zu verifizieren, ob sie geimpft sind), prangern tausende „von zuhause Weggelaufene” an, dass das Ziel die Bevölkerungskontrolle ist, und werden von gewissen linken Intellektuellen und Militanten ausgelacht, für die der Techno-sanitäre Passierschein nicht anderes als eine Art Fahrausweis wäre…

Was sagt uns die Tatsache, dass die Proteste gegen den “green pass” die in den letzten Jahrzehnten wohl am stärksten kriminalisierten, mystifizierten, verzerrten und lächerlich gemachten Proteste sind? Es ist die Angst, das sich im Dreck einiger ihrer unmittelbaren Formen eine verbreiteter Widerstand gegen die Maschinen-Welt entwickeln könnte (in der die digitalen Befehle nicht diskutiert werden: sie werden ausgeführt). Dass ein solcher Widerstand durch demokratische, reaktionäre oder gleichheitliche Mythen, oder durch den Mythos Verfassung, des Erzengels Michel oder Ned Ludd genährt wird, ist für die Technokraten sekundär (denn wann haben, die, je Prinzipien gehabt). Das Verbrechen eines solchen Widerstandes ist einfach, dass es ihn gibt.

Der Notstand verstärkt das kybernetische Paradigma in jedem Bereich. Die Kybernetik – die, ihrer Etymologie nach, die Kunst der Steuerung ist – entsteht historisch durch die Verschmelzung verschiedener Sektoren: der militärische Komplex, die wissenschaftliche Organisation der Produktion und die Verhaltenspsychologie, die sich dezidiert zur regelrechten sozialen Physik entwickelt. Es geht um die „kapitale Utopie“ der Gewinnung von immer „exakteren“ Daten aus den menschlichen Verhaltensweisen, mit dem Zweck, das gesamte soziale System wissenschaftlich und rationell zu organisieren. In anderen Worten, aus der Gesellschaft ein permanentes Labor zu machen, dessen Verwaltung den Experten anvertraut wird. Die erklärte Absicht ist, der „Politik“ ein Ende zu bereiten – deren Meinungsverschiedenheiten durch die Vielfalt der Meinungen und der Werteurteile aber auch durch die allzu zufällige Verteilung der Kommando- und Exekutivrollen entsteht. Solch einem menschlichen, allzu menschlichen Chaos setzt die kybernetische Maschine „objektive“ – bzw. indiskutable – Organisationskriterien gegenüber. Um eine solche „Utopie“ – ein unbehindert funktionierendes Labor – zu verwirklichen, müssen zwei kulturelle Barrieren überwunden werden: der „Mythos“ der Individualität und jener der Natur. Mit den entsprechenden Folgen: in die ihr Leben charakterisierende Reaktionsbündel zerlegt, können die Menschlichen durch ein präzises System von Anreizen und Beschränkungen erzogen und organisiert werden; es ist nicht möglich, wissenschaftlichen Experimenten zum vorneherein ethische und soziale (bzw. „subjektive“) Beschränkungen zuzuweisen. Man macht mal, und sieht dann, was geschieht. Die Erfindung des DNA hat diesem Programm der Zerlegung der Einmaligkeit der Individuen eine Art von molekularer Genauigkeit geliefert: das Genom mit seinen Gesetzen. Um jegliche Idee von „Natur“ (jenes “Gewebe der Notwendigkeiten”, in das die Menschlichen wohl eingreifen, es aber weder abschaffen noch fabrizieren können) zu demontieren, bedient sich die Kybernetik hingegen der Beiträge der poststrukturalistischen Philosophie. Der Entwicklung der digitalen Technologien und der Gentechnik – mit der unauffälligen Präsenz der Militärs – gelang dann, die gesamte Wirklichkeit auf einen Informationsfluss zu reduzieren. Und für die, die dem Prinzipien entgegensetzen (religiöse, humanistische oder revolutionäre), sind die Anathema schon bereit: “Essentialist“ und reaktionär. Für wen keine Prinzipien hat, hingegen, gibt es keine Grenzen, sondern bloss eine Kosten-Nutzen Rechnung.

Wie Simone Weil klarsichtig erfasst hatte, wenn wir von den „Pflichten gegenüber dem Menschenwesen“ – jene Prinzipien, die für sie übernatürlich und für uns völlig irdisch sind – in die Verhandlung über Rechte auf der Grundlage des technisch Machbaren gleiten, sind wir unbewusst schon ins Labor eingetreten.

Das kybernetische Paradigma schreitet immer im Namen eines übergeordneten Wohles voran. Andererseits, worauf vor einigen Jahren der afroamerikanische Schriftsteller Ta-Nehisi hinwies, «gab es nie ein goldenes Zeitalter, in dem die Bösewichte ihrem Gewerbe nachgingen indem sie es als solches in alle Welt hinausposaunten». Darum muss man, wenn die Herrschenden die Frage stellen, ob das individuelle Recht auf Freiheit oder das kollektive auf Gesundheit vorherrschen solle, resolut jede Antwort verweigern. Unser Klassismus ficht nicht einfach jene oder die andere Massnahme der Regierung an, sondern die Tatsache selbst, dass der Staat sich als Garant des „Gemeinwohls“ präsentiert; unser Humanismus gründet auf einer anderen Vorstellung sowohl von Freiheit als auch von Gesundheit.

Da der Kapitalismus – ausser er möchte sich selbst abschaffen – die strukturellen Ursachen der Epidemien (Entwaldung, immer masslosere urbane Ballungen, intensive Zucht, verdorbene Nahrung, konstante chemische Aggression gegen das Immunsystem usw..) nicht beseitigen kann, stopft er bloss deren Effekte und auferlegt, selbstverständlich, Massnahmen mit klaren Klassen- – und geschlechtsbezogenen – Leitlinien, und verlangt in der Zwischenzeit von der Technowissenschaft etwelche Mittel zuzubereiten, damit es weiter so gehen kann. Die von der Technowissenschaft zur Verfügung gestellten Mittel spiegeln nicht bloss die im kapitalistischen System unüberwindbaren Interessen und Konkurrenzmechanismen wider, sondern beinhalten auch immer eine gewisse Anschauung des Menschlichen, der Körper und der Natur. (Wie wir oben gesehen haben, ist diese Anschauung seit langem im kybernetischem Paradigma enthalten, gemäss dem alles – vom unendlich Grossen bis zum unendlich Kleinen – als Informationsfluss betrachtet wird3). Aber zwischen dem Ziel, das System aufrecht zu erhalten, und den zur Verwirklichung dieses Zieles eingesetzten Mitteln, geschieht auch anderes. Die Technowissenschaft beschränkt sich nicht darauf, die eigenen Innovationen zur Verfügung zu stellen um etwelche „Krise“ zu lösen, sondern macht aus der „Krise“ eine unverzichtbare Möglichkeit, jene Innovationen „durchzudrücken“, die sie in normaleren Flughöhen nicht hätte durchsetzen können. Gerade weil die „Utopie Kapital“ soweit geht, die lebende Materie an sich (Körper miteinbezogen) zu fabrizieren, braucht es einen neuen Humanismus um jenem Sturm widerstehen zu können, der in den Ausnahmezuständen noch grausamer tobt.

Die Monate, die wir erleben, sind wirklich «eine Chronik, die nach Geschichte riecht» (Stefania Consigliere). Die kybernetische Logik des problem solving ist nicht nur der Punkt, auf den der Technokapitalismus konvergiert, sondern auch der “Flugschreiber der Daten”, der den Herrschenden jegliche klassizistische und anti-humane Massnahme im Namen der „Objektivität“ und der „harten Notwendigkeit” rechtfertigt. Da sie ein Instrument in den Händen haben, das jeglichen Dissens annullieren kann (das sind keine Meinungen, es sind Zahlen!), wieso auch sollten Kapitalisten und Technokraten darauf verzichten, ausser sie werden durch den sozialen Konflikt dazu gezwungen? Sind wir nicht etwa schon im „Klimanotstand”? Diese Antikapitalisten wollen doch nicht etwa mit den „Negationisten“ der globalen Klimaerwärmung verwechselt werden! In diesem falschen Spiel der Parteien ist keinerlei Raum für jene, die, wie der Poet sagt, feststellen: «ich weigere mich, in einem Schweinestall aufzuräumen».

Die “black box der Daten” – die wir nicht abstreiten können, weil wir nicht kontrollieren können – ist heute am Ruder des Schiffes. Über was können wir arme Schiffsjungen denn sicher sein, wenn nicht der Erfahrung, die wir zusammen im Kampf für eine Routenänderung machen?

Die gute Neuigkeit ist, dass die Ideen – nach Jahrzehnten, in denen man mehr oder weniger billig über alles irgend einer Meinung sein konnte – nun dazu gezwungen werden, sich in alltäglichen Gesten zu äussern, in gut erkennbaren minima moralia (die Ausgangssperre nicht einhalten, nicht auf Umarmungen verzichten, den Passierschein nicht runter zuladen…) Form anzunehmen.

Wenn, wie Ingeborg Bachmann in einem ihrer wunderbaren Gedichte schrieb, «das Unerhörte alltäglich geworden ist / und der Schatten des ewigen Aufrüstens den Himmel bedeckt», ist weder ausweichen noch nachgeben mehr möglich. Man muss sich entscheiden.


* Ein Genosse hat uns darauf hingewiesen, dass im Text Anti-tech revolution Kaczynski in Bezug auf Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft eigentlich «mein eigenes…» sagt (unsere Präzisierung, 17. November 2021).

1) Unter den zahllosen möglichen Beispielen wählen wir ein lokales. Am vergangenen 10. Oktober in Trento wie in vielen anderen Städten gab es eine Solidaritätskundgebung vor dem Sitz der Cgil als Antwort auf die Geschehnisse in Rom. Damals trat eine Gruppe AnarchistInnen mit einem klaren Spruchband auf: «No fascismo / No green pass / Landini servo (Landini Diener». Die Medien haben in ihrer Berichterstattung darüber nicht die sonst bei solchen Protesten üblichen Kategorien gebraucht: wenn nicht gerade “anarchici” so doch “antagonisti” (vielleicht noch dazu “aufrührerische”, “gewalttätige” und sogar “terroristische”, aber jedenfalls von der Seite). In der “neuen Normalität”, hingegen darf man ja nicht wissen lassen, dass es jene Seite ist, die sich gegen die Faschisten, gegen Landini und gegen den Passierschein stellt. Wer war es dann? Schnell gesagt: «ein Grüppchen no vax, no mask, no green pass». Da man nicht “fascisti” sagen kann, muss man jedenfalls auf zweideutige und unklare Leute hinweisen, nicht wie die Anarchisten!

2) Um nicht als Erste die totalitären Versprechen der Technoindustrie beim Wort zu nehmen, darf man niemals vergessen, dass dieser „Weg“ sowohl mit den ökologischen (der digitale Apparat gründet auf einem immer krasseren Rohstoffabbau und benötigt immer mehr Elektrizität) als auch mit den sozial-kapitalistischen Richtlinien kollidiert. Der Mangel an Mikrochips und die Unterbrechung der globalen logistischen just in time Ketten – sowie der nicht erklärte Streik von Millionen Proletarier, die sich in den USA weigern unter gewissen Bedingungen zu arbeiten – beweisen, dass die Mechanisierung der Welt und der Menschlichen ein ganz und gar nicht linearer und hindernisfreier Prozess ist.

3) Seit einiger Zeit leben wir in der Epoche der Ängste, in jenem Gewebe aus Furcht und Faszination, der die dystopischen Serien oder Filme dermassen attraktiv macht (und wenn wir die anschauen, sind wir, klar doch, auf der Seite der Rebellen). Wie schon bemerkt wurde (https://www.piecesetmaindoeuvre.com/spip.php?page=resume&id_article=1576), ist die Furcht, dass mit den GMO-Impfstoffen auch Mikrochips in die Körper eingeführt werden, zweifellos paranoid, aber wer kann ausschliessen, dass es sich um eine zeitlich vorgreifende Paranoia handelt? In Schweden haben sich zehntausend Menschen freiwillig Mikrochips unter die Haut implantieren lassen. Und was den „kulturellen Kontext“ angeht, so könnte man wetten, dass nicht wenige es schon heute praktischer fänden in eine Bar zu gehen und den Arm vorzuhalten anstatt das eigene Handy mit dem entsprechenden QR Code rausholen zu müssen.

Ist es wirklich „rationaler“, die Massen-Experimente mit Gentechnologien als völlig harmlos zu betrachten, oder deren Ziele paranoid zu übertreiben? Welche sind dann, in der berühmten Kosten-Nutzen Rechnung, die in Betracht gezogenen Folgen? Würde nicht etwa eine Forschung den Namen „Wissenschaft“ verdienen, die sich mit den gesamten sozialen Auswirkungen befassen würde? Unter denen man schon die Tatsache aufzählen kann, dass die GMO – wenn auch stillschweigend – sofort auch in der Landwirtschaft verbreitet wurden; dass die ersten Transplantationen von genetisch veränderten Tieren auf den Menschen zur Verhinderung der Abstossung stattgefunden haben; usw. Aber vor allem die kybernetische Vorstellung des Lebenden schreitet voran, wie es die Beschleunigung sowohl in den digitalen Therapien als auch in der Telemedizin beweist.

Schlussendlich noch zwei Worte über Wissenschaft und Demokratie. Das ideale Land für die Wissenschaftler ist überhaupt nicht „das demokratischere”, sondern jenes, das ihnen eine weitgehende “Experimentierungsfreiheit” gewährt. Die amerikanischen oder europäischen Genetiker oder Mikrobiologen beneiden ihre chinesischen Kollegen, weil diese schon lange die menschlichen Embryonen klonieren dürfen oder weil sie in ihrer Forschung über den „Steigerung der Funktion“ der Viren (wie jene im Labor von Wuhan) nicht einmal die Unannehmlichkeit irgendeiner bürokratischen „bioethischen“ Kommission vermeiden müssen. Wie die Geschichte grosszügig aufzeigt, hat das Labor eine autarke Moral. Die angeblichen humanistischen Werte bleiben in den Umkleidekabinen, mitsamt der Zivilkleidung.

Von diesem Artikel gibt es eine englische Übersetzung, die ihr hier findet:

https://dipelle.kelebeklerblog.com/?p=86