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Geduld

Meiner Meinung nach basieren viele der falschen Vorstellungen bezüglich demokratischer Verwaltung auf der Zweideutigkeit des Konzepts von (sozialem) Konsens. Die folgenden Absätze geben eine Argumentationslinie wieder, wie sie heute von vielen Anarchist*innen verfochten wird.

Als die sichtbare Grundlage der Herrschaft der gewaltvolle Zwang war, war den Ausgebeuteten die Notwedigkeit zu rebellieren nur allzu bewusst. Wenn sie dennoch nicht rebellierten, so lag das an der Erpressung, die Polizei und Hunger ihnen auferlegten, damit sie in Resignation und Elend verharrten. Folglich war es notwendig mit Entschlossenheit gegen diese Erpressung vorzugehen. Heute jedoch profitieren die Institutionen des Staates von der Beteiligung der Massen, die durch ein mit Nachdruck verfolgtes Unterfangen der Konditionierung zu ihrer Einwilligung (Konsens) bewogen wurden. Aus diesem Grund sollte die Revolte auf die Ebene der Delegitimierung verlagert werden, mit dem Ziel des graduellen und sich ausbreitenden Zerfalls des sozialen Konsenses. Folglich müssen wir mit unserem Projekt der sozialen Transformation ausgehend von jenen kleinen Zonen beginnen, in denen die Autorität ihre Legitimation bereits verloren hat, sie sozusagen eingeklammert wurde. Andernfalls wird die Rebellion bestenfalls zu einem Selbstzweck, einer nutzlosen und missverstandenen Geste und im schlechtesten Fall zu einem Beitrag zur Repression und einer gefährlichen Abweichung von den eigentlichen Bedürfnissen der Ausgebeuteten. Mir scheint, dass dies der Kern einer immer widerkehrenden Debatte in unterschiedlichen Gewändern ist.

Tatsächlich basiert diese gesamte Argumentationslinie auf einer falschen Vorannahme, und zwar auf der Unterscheidung zwischen (sozialem) Konsens und Repression. Es ist offensichtlich, dass der Staat diese beiden Kontrollinstrumente benötigt und meiner Meinung nach erliegt keiner dem fatalen Fehler das zu leugnen. Aber zu erkennen, dass die Macht nicht alleine mit der Polizei oder alleine mit dem Fernsehen bestehen kann, genügt nicht. Es ist wichtig zu verstehen, wie die Polizei und das Fernsehen zusammenspielen.

Legitimation und Zwang erscheinen nur dann als unterschiedliche Zustände, wenn man (sozialen) Konsens als eine Form von immateriellem Apparat betrachtet, der die Materialität von Befehlen formt; in anderen Worten: Wenn man annimmt, dass die Produktion eines bestimmten psychologischen Verhaltens – das der Akzeptanz – irgendwo anders liegt, als in den Strukturen der Ausbeutung und Unterdrückung, die auf einer solchen Einstellung basieren. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist es irrelevant ob eine solche Produktion früher (zur Vorbereitung) oder später (als Rechtfertigung) stattfindet. Von Interesse ist nur, dass es nicht zur gleichen Zeit passiert. Und genau hier findet sich die Trennung von der ich gesprochen habe, wieder.

In der Realität existiert die Trennung zwischen der inneren Sphäre des Bewusstseins und der praktischen Sphäre des Handelns nur in den Köpfen – und Projekten – von Priester*innen aller Coleur. Aber schließlich sind selbst sie gezwungen ihren himmlischen Phantasien eine irdische Basis zu verleihen. So wie Descartes die Pinealdrüse zu dem Ort machte, an dem sich die Seele befindet, so wie die Bourgeoisie das Privateigentum zur Festung ihrer dürftigen Heiligtümer auserkor. Auf eine ähnliche Art und Weise muss der moderne Demokrat, der nicht weiß, wo er den (sozialen) Konsens hernehmen soll, auf Wahlen und Meinungsumfragen zurückgreifen. Als Letzter verortet der zeitgemäße Libertäre die Delegitimierungspraxis in einer “nicht-staatlichen, öffentlichen Sphäre” mit mysteriösen Grenzen.

(Sozialer) Konsens ist ebenso eine Ware, wie ein Hamburger oder das Bedürfnis nach einem Gefängnis. Wenn die totalitärste Gesellschaft diejenige ist, die weiß wie man den Ketten die Farbe der Freiheit verleiht, dann ist er tatsächlich zur Ware par excellence geworden. Wenn die effektivste Repression von der Sorte ist, die die bloße Sehnsucht nach Rebellion auslöscht, dann ist (sozialer) Konsens präventive Repression, die Polizierung von Ideen und Entscheidungen. Seine Produktion ist materiell, wie die der Kassernen oder der Supermärkte. Zeitungen, Fernsehen und Werbung sind Machtinstrumente, die Banken und Armeen ebenbürtig sind.

Wenn man das Problem auf diese Art und Weise formuliert, wir klar, dass die sogenannte Legitimation nichts anderes ist als ein Befehl. (Sozialer) Konsens ist Zwang und seine Auferlegung wird durch bestimmte Strukturen ausgeübt. Das bedeutet – und das ist die Schlussfolgerung, die niemand ziehen will – dass er angegriffen werden kann. Andernfalls würde man mit einem Phantom ringen, das, sobald es sichtbar wird, bereits gewonnen hat. Unsere Fähigkeit zu handeln wäre gleichbedeutend mit unserer Impotenz. Ich könnte die Umsetzung der Macht sicherlich angreifen, aber ihre Legitimation würde immer – und keiner wüsste woher – zurückkehren, sowohl vor, als auch nach meinem Angriff, und dessen Bedeutung annulieren.

Wie man sehen kann, beeinträchtigt mein Verständnis von der Realität der Herrschaft meine Fähigkeit die Revolte zu begreifen. Und umgekehrt.

Die Beteiligung an den Projekten der Macht hat sich ausgedehnt und der Alltag wird zunehmend davon kolonisiert. Stadtplanung macht polizeiliche Kontrolle teilweise überflüssig und virtuelle Realität zerstört jeden Dialog. All das erhöht die Notwendigkeit eines Aufstands (sicherlich eliminiert es ihn nicht). Wenn wir darauf warten würden, dass alle Anarchist*innen würden, bevor wir Revolution machen, sagte Malatesta, dann hätten wir ein Problem. Wenn wir auf die Delegimierung von Macht warten, bevor wir sie angreifen, dann haben wir ein Problem. Aber glücklicherweise ist zu Warten keines der Risiken der Unersättlichen. Die einzige Sache, die wir zu verlieren haben, ist unsere Geduld.

 


Übersetzung aus dem Englischen. Massimo Passamani. Patience in Freedom’s Disorder – A Collection of Texts by Massimo Passamani, erschienen bei Roofdruk Edities.

Journalistenpack

Jaja, unsere lieben Tagebuchschmierfinken, was kann man nicht alles über sie sagen? Würden sie, wie jeder wenigstens halbwegs auf dem Boden gebliebene Mensch ihr Tagebuch für sich alleine führen, so wäre das mitunter vielleicht noch immer ein gewisses Problem und man würde sie in jenen kriminellen Kreisen, in denen sie sich so gerne bewegen würden, aus naheliegenden Gründen noch immer nicht dulden können; Aber den allzu eitlen und aufmerksamkeitsheischenden Journalist*innen genügt das einsame Tagebuchschreiben ja nicht. Von der Langeweile des eigenen Lebens angeödet, suchen sie das Abenteuer im Leben anderer, eilen von einem Ereignis oder auch Spektakel zum Nächsten und, vielleicht um für sich selbst – vielleicht aber auch um auf andere – wenigstens ein klein wenig interessant zu erscheinen, ertragen sie es nicht, nur ein*e Teilnehmer*in oder – was in ihrem Fall vielleicht treffender ist – Beobachter*in zu sein. Nein, sie müssen das, was sie sehen, jedoch niemals begreifen werden, nichtsdestotrotz abstrahieren, einordnen, bewerten, kommentieren oder zumindest dokumentieren und sie drängt es danach, ihre Sicht der Dinge als die objektive, die einzig Richtige nicht nur auf die Seiten ihrer Tagebücher zu bannen, sondern sie auch, immer gemäß der technologischen Möglichkeiten, mithilfe von Boten, Druckpressen, Mattscheiben, Radiowellen und Glasfaserleitungen hinauszuplärren in die Welt, einzig und alleine in dem Bestreben, dass ihre Schilderung, ihre Bewertung des Spektakels, das Geschehene selbst verdrängt. Dabei stehen sie – und zwar ausnahmslos – mindestens durch ihren Gebrauch, dessen, was sie selbst Medien nennen, im Dienste der Herrschaft, stilisieren sich stolz selbst zu einer “Vierten Staatsgewalt” und können daher niemals als etwas anderes als unsere Feind*innen begriffen werden.

Doch was eigentlich so einfach und offensichtlich ist, das ist nicht zuletzt dadurch, dass diverse selbsternannte Anarchist*innen sich selbst als Journalist*innen bezeichne(te)n, dass angeblich anarchistische Publikationen die Form von Medien annehmen und ihre Herausgeber*innen und Redakteur*innen Journalist*innen sind, dass Anarchist*innen von Zeit zu Zeit Journalist*innen Einblicke in ihr Leben und ihre Kämpfe und dabei auch gleich das/die von anderen Anarchist*innen gewähren und diese (Zeitungs-) Spitzel dabei gar als Verbündete begreifen, ein wenig in Vergessenheit geraten und wird heute ohne weitere Erläuterungen kaum allgemeinen Zuspruch selbst innerhalb authentischer anarchistischer Kreise finden. Es bedarf also möglicherweise einer erneuten Analyse eines insgesamt sehr verwirrenden Geflechts, um heute wieder klar zu sehen, was einst offensichtlich gewesen sein mag.

Aber was ist eigentlich ein*e Journalist*in? In diesem Artikel werden darunter all jene verstanden, die sich (beruflich oder aus Idealismus) an der Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltungen in Medien beteiligen, wobei unter Medien alle Kommunikationsmittel verstanden werden, die als Instrumente dienen, die Massen zu erreichen mit dem letztlichen Ziel einen bestimmten sozialen Konsens herzustellen. Freilich lässt sich dabei hervorragend darüber streiten, welche (auch anarchistischen) Zeitungen, Magazine und Co. nun als Medien und ihre Autor*innen somit als Journalist*innen gelten müssen. Im Zweifel wäre ich geneigt, mich hier an das entsprechende Selbstverständnis dieser Veröffentlichungen zu halten. In jedem Fall müssen jedoch kommerzielle Publikationen als Medien gelten, denn die Entscheidung, finanzielle Absichten zumindest zu einem Entscheidungskriterium für die publizierten Inhalte zu machen, erfordert es, im Großen und Ganzen dem Unterfangen verschrieben zu sein, einen sozialen Konsens herzustellen und diesen im eigenen Medium auch zu reproduzieren.

Es mag stimmen, dass es sogenannte “harmlose” Journalist*innen gibt, die einst die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen haben, Geld mit dem zu verdienen, was sie sonst so in ihr Tagebuch geschrieben hätten. Möglicherweise können Journalist*innen, die Tag für Tag der Frage nachgehen, welche Farbe ihr eigener Stuhlgang hat, oder meinetwegen auch jene, die Tag um Tag ihr Essen fotografieren und damit die Zeitungsseiten zuscheißen, sprich jene, die Fragen erörtern, die nicht nur völlig belanglos, sondern zugleich auch unter keinen Umständen interessant genug sind, um Leser*innen für das Medium zu gewinnen, in dem sie publizieren, als solche gelten. Diese Art von Journalist*innen will ich im folgenden außen vor lassen. Ich glaube auch kaum, dass diese die Bezeichnung Journalist*in mit Stolz vor sich hertragen und wenn doch, so vielleicht nur, um diesen Berufsstand nachhaltiger zu verhöhnen, als es von außen vielleicht möglich wäre.

Und was ist mit jenen Journalist*innen, die in den Medien die Sache der Anarchist*innen positiv diskutieren?, mag man mich nun fragen. Ich bin der Meinung, dass genau diese zu den Schlimmsten von allen gehören. Abgesehen davon, dass ich persönlich noch nie gelesen hätte, wie ein Journalist in einer Zeitung, einem Magazin, Radio, Fernsehen oder auch nur auf einem Blog für die totale Zerstörung jeder Herrschaft plädiert hätte, dafür die Politiker*innen, Bull*innen und Richter*innen, sowie seinen eigenen Berufsstand abzuknallen und fortan ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein solches Plädoyer habe ich von einem Journalisten noch nie gelesen. Aber wie dem auch sei, was ist von jenen zu halten, die das vielleicht nicht in dieser (notwendigen?) Radikalität tun, aber die dennoch immer wieder aufs Neue ihre Sympathien für Anarchist*innen ausdrücken. Ich denke die Frage lautet, und die Antwort ist in ihr möglicherweise vorweggenommen: Kann die Anarchie neben der Herrschaft existieren? Kann wenn in dem selben Medium diese oder jene Reform der Herrschaft begrüßt, andere gefordert und wieder andere als rückschrittlich kritisiert werden, die Anarchie als das was sie ist überhaupt begriffen werden, oder ist es nicht vielmehr der Versuch, die Anarchie in einem liberalen, demokratischen Meinungsfreiheitskonzept einzufangen, bei der die Frage nach der Herrschaft zur Meinungssache wird, während die realen Verhältnisse unangetastet bleiben?

Aber es scheint mir ohnehin ein Phantom zu sein, dem wir hier nachjagen. Sicher, ob Kropotkin oder Erich Mühsam, ja sogar der Bombenbauanleitungs-Verleger Johann Most (eigentlich ja ohnehin Sozialdemokrat) und die Ikone der (anarchistischen) Feminist*innen, Emma Goldman, über die meisten bekannteren Anarchist*innen der Vergangenheit liest man heute Reportagen in den Feuilletons, selbst auf Galleani darf sich bezogen werden, zumindest wenn es um die liberale Unschuldskampagne von Sacco und Vanzetti geht. Aber hat man in der Presse jemals etwas Positives über Luigi Lucheni gelesen, oder über Sholem Schwarzbard, ja selbst über Fanny Kaplan schweigt sich die bürgerliche Presse lieber aus, denn wer eine Kaiserin, einen Politiker oder einen kommunistischen Despoten zu ermorden trachtet, die*der könnte ja auch auf die Idee kommen … Und das ist es eben. Keinesfalls werden in den Medien jemals antiautoritäre Ideen verfochten werden, ohne dass diese dabei in einen Herrschaftsdiskurs eingeebnet werden, weil eben das Projekt der Medien selbst ein propagandistisches ist, ein Projekt das dazu dient, die Herrschaft zu verteidigen und zu legitimieren. Und ehrlich gesagt: Es wäre auch ein so eklatanter Widerspruch, den Menschen Anarchie mithilfe von Medien anerziehen zu wollen, dass ich dazu wohl kaum ein Wort zu verlieren brauche. Nein, ich will nicht anklagen, dass die Taten von Anarchist*innen, wo sie sich kompromisslos gegen die Herrschaft wenden, von Journalist*innen nicht rezipiert werden. Es mag die Zeit kommen, wo die Propaganda Wege gefunden haben wird, selbst diese Taten zu integrieren, dank irgendwelcher pseudo-anarchistischen Journalist*innen, denen dazu irgendein “ja aber heute ist das ja ganz anders”-Gelaber einfällt, aber ich könnte nichts weniger wollen, als mir diesen Tag herbeizusehnen. Und doch jagen wir hier heute ein Phantom, denn der Journalist, der das versucht, den müsste man mir erst noch vorstellen. Vielmehr hat man es heute eher mit “sympathisierenden” Journalist*innen zu tun, die versuchen, die Anarchie zur (Basis-)Demokratie, also zur Archie (Herrschaft), zu erklären und damit versuchen, sie zahn- (und sinn-)los zu machen und in den demokratischen Diskurs zu integrieren [1].

Die meisten Journalist*innen jedoch, sie dürften der Ideologie ihrer “Neutralität”, sprich ihrer Kompliz*innenschaft mit der Herrschaft, verbunden sein und folglich, wenn sie sich dem Thema der Anarchie annähern, vor allem auf die angeblichen “Problematiken” von unkontrollierten Menschen, die tun und lassen was ihnen gefällt, verweisen, wenn sie nicht gleich vom Terrorismus der Anarchist*innen sprechen. Recht so, irgendetwas hätte man schließlich falsch gemacht, wenn eine*n die Verteidiger*innen des Bestehenden nicht als Bedrohung betrachten würden. Und doch gibt es immer wieder jene selbsternannten Anarchist*innen, deren beste Freunde Journalist*innen sind und die sich wohl deshalb eher so verhalten, als hätten sie eine gründliche Gehirnwäsche bekommen. Sie streben danach, den Medien das freundliche Gesicht des Anarchismus zu präsentieren, indem sie Interviews geben, in denen sie sich als karitative Köch*innen, idealistische Träumer*innen und reformistische Politiker*innen präsentieren, während sie ganz nebenbei die hässliche Fratze des Anarchismus, also die aufständischen Projekte derer, die sich zu Recht als Anarchist*innen bezeichnen durch den Dreck ziehen und verharmlosen. Den Journalist*innen tun sie damit freilich einen Riesengefallen. Sie helfen aktiv dabei mit, Anarchist*innen entweder gemeinhin als naive Idioten (deren Vertreter*innen sie zweifelslos sind) zu portraitieren, oder aber den guten Anarchisten von der schlechten Anarchistin abzugrenzen. Und es passiert gar nicht so selten, da geben diese Idioten sogar jenen Journalistenschnüfflern Interviews (oder auch nur Tipps), denen es weniger um diese ideologische Trennung geht, als um das konkrete Profiling jener Anarchist*innen, die eben als die schlechten gelten, in dem Bestreben Repression vorzubereiten und zu legitimieren.

Zuweilen gibt es sogar Journalist*innen, die für eine “Anarchistische Presse” (wie die Graswurzelrevolution) arbeiten, die sich dieser schmutzigen Aufgabe annehmen. Manchmal sogar ohne dafür bezahlt zu werden – zumindest nicht von den Profiteur*innen ihres Mediums. Die meiner Meinung nach absurdeste Ausprägung einer Verflechtung von angeblich anarchistischen Millieus mit Journalist*innen firmiert unter der Bezeichnung “Demofotografie”. The Revolution will not be televised. Aber was, wenn einem irgendwelche Journalist*innen selbiges versprechen? Was wenn Journalist*innen dich bei (illegalen) Handlungen filmen und fotografieren und diese Bilder dann an die Medien verkaufen? Nun, es verwundert doch sehr, dass es heute zum guten Ton gehört, diese Journalist*innen zu hofieren, anstatt sie zusammenzuschlagen und ihr Equipment zu zerstören. Während (schlecht) verpixelte Bilder von Personen, die irgendetwas Strafbares tun, von diesen rücksichtslosen Arschlöchern anderen (möchtegern) Anarchist*innen das Spektakel vor dem Bildschirm erfahrbar machen und entsprechend sogar wertgeschätzt werden, riskieren sie die spätere Verurteilung der Täter*innen aufgrund genau dieser Bilder. Dabei sind es nicht einmal nur die veröffentlichten Bilder. Auch unveröffentlichte Bilder können von Bullen beschlagnahmt werden und es kommt zuweilen auch vor, dass man als Täter*in später in irgendwelchen Akten liest, dass irgendein*e ach so solidarische Fotograf*in sich freiwillig bei den Bullen eingefunden hatte und mit diesen lang und breit über ihre Arbeit und die Objekte der eigenen Fotografie geplaudert hatte. Aber warum? Warum ist es gerade diese Snitch-Praxis von aufmerksamkeitsheischenden und rücksichtslosen Fotograf*innen, die die wohl größte Wertschätzung unter Anarchist*innen genießt? Eine Praxis, die niemandem irgendetwas nützt, außer Bullen und den Konsumenten von Riot-Porn. “Solidarische Journalisten” werden diese Snitches genannt, aber was ist solidarisch daran, Denunziation zu betreiben? Und dieser Doppelsprech ist nebenbei bemerkt prä-pandemischen Ursprungs.

Aber bedarf es wirklich so viel Entwirrung, um das Spiel aufzudecken, das Journalist*innen immer schon trieben? Genügt es nicht zu wissen, dass Journalist*innen sich stolz als die sogenannte “vierte Gewalt” des Staates wähnen, um zu wissen, was von ihnen zu halten ist?

“Zweifellos werden die Medien den AnarchistInnen weiterhin hinterher jagen, solange die Anarchie ein vermarktbares Ding ist. Daher ist es notwendig, dass wir als AnarchistInnen erkennen, dass die Medien ebenso Teil der Machtstruktur sind wie Staat, Kapital, Religion, Justiz… In anderen Worten: Die Medien sind unser Feind und wir sollten sie entsprechend behandeln. In diesem Licht betrachtet ist die Aktion von drei italienischen AnarchistInnen – Arturo, Luca und Drew – beispielhaft. Als ein Journalist auf der Suche nach einem saftigen Happen Neuigkeit bei der Bestattung ihres Genossen aufkreuzt, schlagen sie zu.”


[1] Natürlich mag das auch die irrende Ansicht irgendwelcher selbsternannter “Anarchist*innen” sein, aber nur weil auch jene die gleichen Methoden der Aufstandsbekämpfung praktizieren, wie ihre Journalistenfreund*innen, ändert das freilich nichts an dem Unterfangen selbst.